Was Menschen ohne AD(H)S über uns wissen sollten
Ich bin 41 Jahre alt geworden, ohne zu wissen, dass ich ADS habe.
41 Jahre Anpassung. 41 Jahre Funktionieren. 41 Jahre Selbstoptimierung, Scheitern, Neuversuche.
Seit November 2025 weiß ich es.
Und rückblickend denke ich: Wie zur Hölle habe ich das so lange ausgehalten?
Was viele Menschen nicht verstehen:
ADS ist nicht „ein bisschen chaotisch“.
Es ist keine Konzentrationsschwäche.
Es ist keine fehlende Disziplin.
Es ist eine radikal offene Wahrnehmung.
Ein Nervensystem ohne Filter.
Ein Gehirn, das alles gleichzeitig empfängt – und nichts automatisch ausblendet.
Ich nehme Räume mit Menschen immer wahr.
Stimmungen.
Ungesagte Konflikte.
Dysregulation.
Unordnung.
Zeitdruck.
Unausgesprochene Erwartungen.
Energien.
Fehlende Verbindung.
Nicht als Gedanken.
Sondern körperlich.
Was mir fast täglich Stress macht – nicht theoretisch, sondern real
- Wenn ich mich länger in Räumen aufhalten muss, die unaufgeräumt, schmutzig oder chaotisch sind, gerät mein Nervensystem unter Dauerstrom. Nicht, weil ich „pingelig“ bin. Sondern weil mein Gehirn jede Abweichung gleichzeitig verarbeitet.
- Wenn die Ästhetik und die Energie eines Raumes nicht stimmen, spüre ich die innere Unordnung der Menschen, die ihn hinterlassen haben. Chaos ist für mich kein Zustand – es ist ein emotionaler Abdruck von Dysregulation.
- Wenn ich Dinge des täglichen Gebrauchs nicht sofort an ihrem Platz finde, entsteht Stress. Suchen heißt für mein Gehirn: Alarmzustand. Nicht „kurz überlegen“, sondern inneres Zerreißen.
- Feste Zwangstermine – Kinder bringen, abholen, Uhrzeiten, die ich mir nicht frei gewählt habe – fühlen sich für mich an wie ein permanenter Eingriff in meine Selbststeuerung und meinen Rhythmus. Nicht wegen der Kinder. Sondern wegen der Fremdbestimmung meines Nervensystems.
- Regeln, die mich zwingen, mich anzupassen, ohne dass ich mitbestimmen konnte, machen mich innerlich wütend und ohnmächtig. Ich bin nicht rebellisch aus Prinzip – sondern, weil mein System Freiheit braucht, um stabil zu bleiben.
- Wenn Menschen meine Dysregulation kritisieren, statt mich durch liebevolle Ansprache, Berührung und Zuwendung zu ko-regulieren; wenn sie mich tadeln, weil ich laut werde, wütend bin, überfordert reagiere, dann verletzt mich das zutiefst. Denn ich bin dann nicht unwillig oder böse, sondern überlastet – und oft noch mehr wegen den Menschen, die mich dafür kritisieren.
- Unausgesprochene Konflikte zwischen Menschen im Raum sind für mich kaum auszuhalten. Ich höre sie. Ich fühle sie. Auch wenn niemand darüber spricht.
- Wenn andere Menschen selbst dysreguliert sind und aus diesem Zustand handeln, trifft mich das direkt. Nicht mental – somatisch.
- Wenn ich nicht täglich in die Natur kann, fehlt meinem Nervensystem ein lebenswichtiger Ausgleich. Nicht Wellness. Überleben.
- Wenn Menschen sich von mir distanzieren – auch still, subtil, unausgesprochen – spüre ich das sofort. Und mein System reagiert, noch bevor mein Verstand versteht, warum.
- Wenn teure Geräte, Technik, Auto oder Werkzeuge nicht funktionieren, ist das für mich kein „ärgerlich“. Es ist ein Kontrollverlust, der mein ohnehin hoch belastetes System zusätzlich destabilisiert.
- Aufgaben, die ich nicht freiwillig und aus innerer Lust heraus gewählt habe, kosten mich ein Vielfaches an Energie. Nicht, weil ich faul bin – sondern, weil mein Gehirn ohne intrinsische Verbindung nicht effizient arbeitet.
- Wenn ich meine Zeit von Menschen abhängig machen muss, zu denen ich keine enge emotionale Verbindung habe, stresst mich das enorm. Mein Nervensystem braucht Beziehung, nicht Verwaltung.
- Ich spüre, wenn Menschen von sich selbst oder voneinander getrennt sind. Diese Trennung liegt wie Nebel in der Luft und fühlt sich für mich furchtbar anstrengend an.
- Ich bereitet mir innerlich Schmerz, wenn Dinge nicht in ihrem bestmöglichen Zustand sind, wie sie sein könnten. Nicht aus Perfektionismus – sondern aus einer tiefen Sehnsucht nach Stimmigkeit.
- Wenn es kein Geld, keinen Raum, keine Zeit oder keine Menschen gibt, um Dinge zu verbessern – und ich diese Unstimmigkeit alleine tragen muss – bricht mein System irgendwann ein.
- Rhythmen, Rituale, Termine, unausgesprochene Normen, die ich nicht mitgestalten durfte, wirken auf mich wie ein permanenter Fremdkörper.
Und schlussendlich:
Kinder.
Mit ähnlicher Neurodivergenz.
Mit eigener Dysregulation.
Und es ist niemand in der Nähe, der sie mit mir gemeinsam ko-reguliert.
Der Kern: Alleinregulation ohne Ko-Regulation macht krank
Wenn ich all das allein regulieren muss –
ohne Partnerin,
ohne Familie,
ohne Gemeinschaft,
ohne geteilte Verantwortung –
dann bin ich faktisch den halben Tag mit Selbstregulation beschäftigt. (Und kriege sie auch oft nicht hin.)
Das ist kein Jammern. Das ist eine realistische Beschreibung meines Alltags. Der „durchschnittliche Alltag“ eines getrennt-erziehenden Familienvaters in Deutschland mit dem deutschen Schulsystem, Bürokratie, Anforderungen als Unternehmer, Erwartungen an Regeleinhaltung ist für mein Nervensystem eine permanente Überforderung und purer Stress. Social Media und Nachrichten sind Dopamin-Kick und Stressmultiplikator zugleich. Und daher doppelt toxisch für mich.
Nicht, weil ich zu sensibel bin. Sondern weil diese Welt für neurotypische Nervensysteme, Funktionieren und Konsum gebaut ist – und von neurodivergenten Menschen verlangt, sich darin ständig selbst zu regulieren (oder es zu kompensieren).
Meine Haltung – und wofür ich arbeite
Ich glaube nicht an Individualismus und Rückzug als Zukunftsmodell.
Nicht im Zusammenleben.
Nicht in Beziehungen.
Nicht in Familien.
Wir Menschen sind ko-regulative Wesen. Wir sind dafür gemacht, regulierte Räume zu erschaffen und zu halten. Räume, in denen nicht die Dysregulation einiger den Raum für alle bestimmt. Inklusive Gestaltung beginnt nicht bei der Mehrheit. Sondern bei dem Menschen, der am meisten Stress empfindet. Für Menschen mit AD(H)S ist Ko-Regulation kein Luxus. Sie ist überlebenswichtig.
Und sie ist der Schlüssel für:
- echte Gemeinschaft
- tragfähige Partnerschaften
- sichere Räume
- gesunde Kinder
- menschliche Würde
Ich arbeite an und für eine Welt, in der Selbst- und Ko-Regulation die zwischenmenschlich höchsten Güter sind und selbstverständlich Teil des Alltags, in Familien, Unternehmen und Gemeinschaften werden.
Nicht Leistung.
Nicht Anpassung.
Nicht Funktionieren.
Sondern Verbundenheit.
Wenn du kein AD(H)S hast und das hier liest:
Du musst uns nicht verstehen. Aber bitte hör auf, uns zu bewerten oder zu denken, du weißt was uns stresst. Und fang an, Räume zu schaffen, in denen wir uns nicht allein regulieren müssen. Das würde nicht nur uns unterstützen. Sondern dich gleich mit.