Polizei, Bußgeld, Gericht und die Grenzen des gesunden Menschenverstands

Ein Erfahrungsbericht über Bürokratie, menschliche Blindstellen – und die Kunst, innerlich frei zu bleiben, wenn das System den Verstand verliert

Es begann an einem gewöhnlichen Nachmittag auf einer fast leeren Autobahn im Südosten Bayerns. Die Sonne stand tief, die Luft war ruhig, der wenige Verkehr floss gleichmäßig. Ich fuhr entspannt in meinem Van, ein wenig erhöht über der Straße — ein Moment von Frieden im Alltag.

An einer Ausfahrt stand ein Polizeikombi, scheinbar ohne Eile, ohne Einsatz. Als ich vorbeifuhr, sprang der Motor an. Minuten später war das Polizeifahrzeug vor mir, Blaulicht an.

Der Vorwurf: Ich hätte während der Fahrt ein Handy in der Hand gehalten und bedient. Beweis: keiner. Nur eine subjektive Behauptung — zwei Beamte, die aus ihrem niedrigeren Kombi im 90 Grad Winkel um die Ecke in ein höher sitzendes Fahrerhaus geblickt und aus einer kleinen Bewegung eine ganze Geschichte konstruiert hatten.

Ich hatte kein Handy in der Hand. Aber das spielte bald keine Rolle mehr. Denn der Verwaltungsapparat hatte einmal Fahrt aufgenommen – und wer sich gegen ihn stellt, weiß, dass er nicht mehr bremst.

Von der Leere zur Maschinerie

Was danach geschah, war ein Musterbeispiel deutscher Gründlichkeit im Leerlauf: Ein Bußgeldbescheid, ein Aktenzeichen, Gebühren, eine drohende Hauptverhandlung in einem kleinen Landgericht in der bayrischen Provinz – einem Ort, in dem offensichtlich genug Kapazität besteht, um selbst beweislose Handy-Nutzungen auf leeren Autobahnen mit der vollen Wucht der Justiz zu prüfen.

Ich legte Einspruch ein. Nicht trotzig, sondern in der Hoffnung, dass irgendjemand im Prozess den gesunden Menschenverstand einschaltet. Doch stattdessen kam ein Schreiben des Gerichts: Ladung zur Hauptverhandlung. Ein Zeuge aus dem Polizeikombi werde geladen, um zu bekräftigen, was er „gesehen“ haben will.

Ich fragte mich, wie viele Stunden, wie viele Menschen, wie viel Steuergeld in die Verwaltung eines Missverständnisses fließen können. Wie viele Beamte, Richter und Sachbearbeiter bezahlt werden, um einen einzigen Bürger wegen einer unbelegten Annahme zu beschäftigen. Wenn es ein Sinnbild für Steuerverschwendung gibt – dann ist es das.

Was Bürokratie über Bewusstsein verrät

Mit jedem Brief wurde mir klarer: Das Problem ist nicht Bosheit, sondern Struktursucht. Ein System, das Leerlauf nicht aushält, muss sich selbst beschäftigen. So entsteht Aktion ohne Notwendigkeit – Verwaltung ohne sinnvolle Ziele.

Ich bin kein Aktivist, kein Systemgegner, kein Esoteriker. Ich bin einfach ein unbescholtener Bürger, der sich an Recht und Regeln hält – und der plötzlich spürt, wie absurd diese Regeln werden, wenn sie ihren Sinn verlieren.

Vielleicht ist das der tiefere Punkt: Dass ein Land, das in seiner Effizienz und Ordnung aufgehen will, manchmal vergisst, wofür es das eigentlich tut. Dass ein Staat, der Kontrolle perfektioniert, irgendwann jede Leichtigkeit und Kulanz verliert.

Vom Ärger zur Erkenntnis

Ich habe meinen Einspruch schließlich zurückgezogen – nicht aus Einsicht, sondern aus Klarheit. Ich wollte meine Energie wieder für das einsetzen, was Bedeutung hat.

Denn man kann den Irrsinn der Welt auf zwei Arten begegnen:
Man kann ihn bekämpfen – oder man kann ihn durchschauen.
Und sobald man ihn durchschaut, verliert er seine Macht.

Ich habe gelernt:
Der bürokratische Übereifer, der mich wochenlang beschäftigt hat, ist ein Spiegel für unser aller inneres System. Wir produzieren ständig Aufgaben, Rechtfertigungen und Gedankenlisten – nur um nicht in die Leere zu fallen. Wir hassen Stillstand. Und so werden wir zu unseren eigenen kleinen Amtsstuben im Kopf.

Loslassen

Ich habe bezahlt.
Aber ich habe auch etwas gelernt: Selbst in der absurden Maschinerie des deutschen Bürokratismus kann man üben, im Frieden zu bleiben. Und zwar dann, wenn ich mich entscheide aufzuhören, Recht haben zu müssen. Auch wenn ich es habe.

Vielleicht ist Bewusstsein nichts anderes als die Fähigkeit, zu erkennen, wann man loslassen darf.